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rudi 310 days ago |
Nein. Morphogrammatik ist, nach meinem Verständnis, jenes Teilgebiet der Kenogrammatik, das sich mit Kenogrammen beschäftigt, deren Länge eine Zweierpotenz ist. Zeichenreihen, deren Länge eine Zweierpotenz ist, treten z.B. in den Wahrheitstabellen der logischen Junktoren auf, und das ist genau der Kontext, in dem Günther auf die kenogrammatische Leseweise gestoßen ist. Historisch hat er zuerst den Begriff Morphogrammatik verwendet, erst viel später sprach er von Kenogrammatik.
Die Wirkung des Negationsoperators „N“ auf eine Aussage „p“ lässt sich in einer Wahrheitstabelle darstellen, die zwei Zeilen und zwei Spalten hat. In der linken Spalte sind die möglichen Wahrheitswerte für p aufgelistet (also W,F), in der rechten Spalte sind die resultierenden Wahrheiswerte für Np aufgelistet (also F,W). Lesen wir nun die rechte Spalte kenogrammatisch, stellen wir fest, dass der Negationsoperator völlig wirkungslos ist. Die Wertefolgen WF und FW sind kenogrammatisch gleich.
Anderes Beispiel: der zweistellige Junktor „U“ (für Und). Dafür brauchen wir eine Tabelle mit zwei Spalten und vier Zeilen. Das Und verknüpft zwei Aussagen, p und q, in die linke Spalte schreiben wir also alle möglichen Paare von Werbesetzungen für p und q (WW,FF,WF,FW), und in die rechte Spalte schreiben wir die resultierende Wertbesetzung für p Und q (W,F,F,F). Wenn wir das Analoge für den Junktor „Nicht Und“ machen, erhalten wir in der rechten Spalte (FWWW), und wieder haben wir zwei kenogrammatisch gleiche Wertverläufe.
Rein kombinatorisch gibt es 16 zweistellige Junktoren, davon sind je zwei kenogrammatisch äquivalent, also gibt es – kenogrammatisch gelesen – nur 8 zweistellige Junktoren. Günther wusste natürlich, dass es 15 Kenogramme der Länge 4 gibt, und daraus schloss er, dass die klassische Logik kenogrammatisch unvollständig ist. Es gibt schließlich 7 Kenogramme der Länge 4, die in den Wahrheitstabellen der Logik nicht vorkommen. Darin sah Günther die Möglichkeit einer nicht-konventionellen Erweiterung der Logik. Einen Schatz an bisher ungenutzten Strukturen für eine neue, nicht-duale Logik jenseits der Subjekt-Objekt-Dualität, eine Polykontexturale Logik.
Der nächste Schritt bei Günther ist die Idee des Logischen Ortes. Eine Logik muss sich verkörpern, bevor sie operativ werden kann, und so kann es – parallel und gleichzeitig – einen Plural von Verköperungen der Logik geben, an verschiedenen Orten. Und wir haben keine Theorie darüber, wie zwei Verkörperungen der Logik, die von verschiedenen Orten aus operieren, miteinander in Beziehung gesetzt werden könnten. Diese Verbindungen müssen notwendigerweise nicht-logischer Natur sein, denn die Logik behandelt ja nur die Operativität innerhalb eines Ortes, sie kann nicht den Zusammenhang zweier Orter organisieren.
So war Günther ganz happy, als er in der morphogrammatischen Struktur der logischen Wahrheitstabellen eine negationsinvariante und daher sub-logische Struktur entdeckt hatte, und war fest davon überzeugt, dass diese Struktur sich dazu eignen würde, die Verknüpfung oder Vermittlung mehrerer Verkörperungen der Logik zu organisieren. Der Beweis, dass dem so ist, steht allerdings bis heute aus. Mir scheint, dass der Ansatz zu kurz greift.
Wie kann man auf dieser Grundlage zwei logische Orte miteinander verknüpfen? Man schreibt ihre Wahrheitstabellen hin, verknüpft sie vielleicht zu einer einzigen Tabelle, liest die Wahrheitswerte kenogrammatisch, und findet Operatoren, welche die kenogrammatiche Vielfalt gegenüber den Morphogrammen der Tiefe 2 ausnützen. Da tauchen neue Operatoren auf, z.B. Reflektoren und Transjunktionen, es tauchen neue Arten von Werten auf, z.B. Rejektionswerte und Fremdwerte, und Ähnliches. Da gibt es viele Versuche, das strukturell hinzukriegen und vermittlungslogisch zu interpretieren, aber ich kann, ehrlich gesagt, nicht viel mit diesen Versuchen anfangen.
In der Tat hat Günther ja noch viele andere Ansätze erkundet. Es ging ihm um die Überwindung der universellen Subjekt-Objekt-Dualität. Die duale Struktur der Subjekt-Objekt-Relation drückt sich vielfältig in den dualen Kategorien der Logik und Mathematik aus, nicht nur in dem Wertepaar Wahr-Falsch, sondern auch in der grammatischen Beziehung zwischen Relator und Relatum oder zwischen Operator und Operand oder zwischen Eigenschaft und Ding. Und diese letzteren grammatischen Dualitäten werden durch die kenogrammatische Leseweise der Wahrheitswerte gar nicht angekratzt.
Um in dieser Hinsicht weiterzukommen, hat Günther die „Proemialrelation“ eingeführt, eine Art Proto-Relation, die zwar so etwas wie Relator und Relatum kennt, aber bezüglich der Frage „was ist was“ (was ist Relator und was ist Relatum) unentschieden oder schwankend ist. Die Proemialrelation verknüpft A und B, als Operator und Operand, aber ob A der Operator und B der Operand oder B der Operator und A der Operand ist, oder ob A und B beide sowohl Operator und Operand oder auch weder Operator noch Operand sind, das bleibt prinzipiell offen. Die Proemialrelation bezeichnet also so etwas wie den Prozess der Ermöglichung von Relationalität oder Operativität oder Deskriptivität. Sie ist als solche schwankend zwischen Symmetrie und Asymmetrie; erst wenn sie sich realisiert, wird sie eindeutig und asymmetrisch.
Günther hat gesagt, und Kaehr wiederholt es immer wieder, dass die Proemialrelation in der Kenogrammatik darstellbar sei. Wenn ich sage A ist der Operator und B ist der Operand, und dann hinschreibe AB, um zu sagen A wird auf B angewendet, und wenn ich dann AB kenogrammatisch lese, ist es gleich BA, und damit sind die Rollen von Operator und Operand vertauscht. So kann man argumentieren, wenn man es für hilfreich hält. Damit hat man einen zweiten Ansatzpunkt gefunden, wie die Kenogrammatik hilft, die sekundären Dualitäten der Subjekt-Objekt-Dualität zu attackieren.
Die Frage nach dem Logik-transzendenten Zusammenhang zwischen zwei oder mehr logischen Orten ist jedoch auch heute noch weitgehend terra inkognita. Mit scheint, der Dialog ist ein guter Ort, um mit der empirischen Erkundung dieses Zusammenhangs zu beginnen. Und zu prüfen, ob die Kenogrammatik irgend etwas Konstruktives zur Organisation des Dialogs beizutragen hat.
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